STORYWORLD

Geboren als Herrscher der Nacht war Tsukuyumi ein mächtiges Götterwesen, ein Kami. Doch er beging schrecklichen Verrat an den Seinen, als er mit einem Bogen aus Drachenbein und einem Pfeil aus Licht die Göttin der Nahrung vernichtete. Damit seine Schwester, die Sonnengöttin Ameterasu, ihn nicht länger ertragen musste, wurde er aus dem Kreise seiner Geschwister ausgeschlossen und an den Nachthimmel verbannt. Einsam und still zog der weiße Drache Tsukuyumi dort seine Bahnen. Das lebensspendende Licht seiner Schwester reflektierte kühl auf seinen Schuppen. Äonen der Einsamkeit ließen den Kami ermüden, bis er schließlich einschlief und umhüllt von Gestein, Asteroiden, Kometen und Sternenstaub zu dem wurde, was die Menschen “Mond” nannten.

Die Zeit, in der Mensch und Kami einträchtig die Erde bewohnten, ist zu einem Mythos verblasst. Die Menschen befürchteten, dass die Götter ihrer Schöpfung das Leben genauso schnell wieder nehmen würden, wie sie es ihr einst geschenkt hatten. Aus Befürchtungen wurden tiefe Ängste und diese Ängste gebaren Wut und Hass. Die Menschen zogen los um die alten Götterwesen zu vernichten. Diese beschuldigten sich jedoch gegenseitig, statt den gemeinsamen Feind in ihrer eigenen Schöpfung zu erkennen. Als sie begriffen, was geschah, war es bereits zu spät: Ars Humana – die Ära des Menschen auf der Erde war angebrochen. Zwei Kami bestimmten jedoch nach wie vor das Leben der Menschen: Amaterasu, die Gütige, die sie wegen ihres wärmenden und nährenden Lichtes verehrten und der schlafende Drache Tsukuyumi, der blass und still die Welt noch immer in seinem düsteren Bann hielt. Sollte der Gott der Nacht eines Tages erwachen und dem Niedergang seiner Art gewahr werden – er würde kein Erbarmen walten lassen.

Die Geheimnisse um die Kami und ihre Schwachstellen wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Technischer Fortschritt und Jahrzente der Forschung machten schließlich den Mond immer zugänglicher für den Menschen. 2078 war das Jahr, in dem die erste Siedlung auf dem Mars eingerichtet wurde. 2078 war aber auch das Jahr, indem Shengo Otoka, Ministerpräsident der Transpazifischen Demokratischen Union, auf dem unscheinbaren Bruder des blauen Planeten das Geheimprojekt „Tsukuyumi“ zum Abschluss bringen sollte. Als Forschungsstation getarnt hatte die TDU seit mehreren Jahren ihre Basis “Doragon” auf dem Mond betrieben, deren eigentliches Ziel nichts Geringeres war, als ins Mondinnere vorzudringen und den Kamijägern einen Weg zu bereiten, Tsukuyumi ein für alle Mal zu vernichten.

Doch das Vorhaben muss schrecklich missglückt sein. Drei Tage später landete die einzige überlebende Astronautin der Mission in ihrer Notkapsel auf ehemals japanischem Gebiet. Sie überbrachte eine einzige, knappe Botschaft: Er ist erwacht. Der Drache kehrt zurück. Die Astronautin konnte nicht weiter berichten, was genau vor sich gegangen war. Minuten nach ihrer Landung gingen furchtbare Veränderungen mit ihr vor. Mund und Augen wuchsen zu, sodass sie zu einer gesichtslosen Gestalt wurde, während die Schädelknochen wulstartig zu wuchern begannen. Heute wissen wir, dass die Transformation binnen weniger Stunden nach dem Kontakt mit Tsukuyumi einsetzt. Heute wissen wir, die Betroffenen werden größer, stärker und sehr viel intelligenter – können aber dem Einfluss von Tsukuyumis Geist nie mehr entrinnen. Heute wissen wir, sie wurde zu einem Schergen Tsukuyumis. Sie wurde zu einem Oni.

Langsam aber stetig näherte sich der weiße Drache der Erde, um Rache zu nehmen – noch immer gefangen in seiner Hülle aus Sternenstaub. Zunächst hielt man es für ein kosmoligisches Problem, war interessiert, berichtete in den Medien darüber und beobachtete des Nachts das Spektakel des Riesenmondes. Doch schon bald wich das Staunen der Angst. Die Gezeiten wurden stärker, die Erdbeben häufiger. Die Menschen ergaben sich in Endzeitritualen aber weder Panik, noch Gewalt, noch rauschhafte Exzesse konnten die Berührung der beiden Himmelskörper verhindern. Ein Beben erfasste alles und in wenigen Momenten versanken Landmassen, wurden andere emporgehoben. Knirschend und splitternd kehrte sich das Unterste zu oberst. Die beiden Körper trafen sich wie beim Tanz und drehten sich umeinander, verbanden sich und verschmolzen. Der Mond hinterließ eine Schneiße der Zerstörung, zerschnitt ganze Landzüge, zerbrach Kontinentalplatten, ließ Berge zersplittern, zeriss seine Hülle an den eisigen Gipfeln des Himalaya und kam, Erdmassen vor sich herschiebend und Wassermassen verdrängend auf dem nun kahlen, morastigen Boden des Pazifik zu liegen.

Die Welt ist nicht mehr wie zuvor. Und da, wo einst das mächtige Weltmeer wogte, bilden nun angehobene Erdmassen den trockenen, kargen Schauplatz an dem das neue Zentrum der Macht ruht: Der Mond. Der Drache. Tsukuyumi.

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